Reaktionen auf Günter Grass‘ Gedicht »Was gesagt werden muss«

Am Mittwoch veröffentlichte Günter Grass in der Süddeutschen Zeitung und in La Repubblica (Italien) sein Gedicht »Was gesagt werden muss«. Es schlägt große Wellen und wird in den Medien sehr kontrovers diskutiert, bzw. sehr hetzerisch zerrissen.

Im Folgenden machen wir auf die Reaktionen der Intellektuellen Moshe Zuckermann, Noam Chomsky, Domenico Losurdo, Rolf Verleger, Ekkehart Krippendorff und Norman Paech aufmerksam. Auch verweisen wir auf das Interview von »3sat Kulturzeit Extra« mit Günter Grass und die Reaktion der Friedensbewegung aus Deutschland.

Anschließend dokumentieren wir die Artikel »Kriegstrommeln werden gerührt« und »Kriegshelden – Grass wußte, worauf er sich einließ« aus der Tageszeitung jungeWelt.

 

Im Folgenden die oben erwähnten Artikel aus der Tageszeitung jungeWelt, dokumentiert von jungewelt.de

 

Kriegstrommeln werden gerührt

Von Arnold Schölzel (jungeWelt / 07.04.2012 / Titel / Seite 1)

 

1959 wurde Grass in der BRD wegen seines Romans »Die Blech

1959 wurde Grass in der BRD wegen seines Romans »Die Blechtrommel« (Filmfoto) über Faschismus und Weltkrieg wegen Pornographie angepöbelt

Der Schriftsteller Günter Grass wehrte sich in mehreren Fernsehinterviews am Donnerstag gegen die neueste deutsche Propaganda für Krieg. Deren Anlaß war sein am Mittwoch veröffentlichtes Gedicht »Was man sagen muß«, in dem er – in ausdrücklicher Verbundenheit mit Israel – vor einem Erstschlag gegen den Iran warnte. Grass kritisierte außerdem die kürzlich vereinbarte Lieferung eines sechsten deutschen U-Boote an Israel und wies auf die Gefährdung des Weltfriedens hin. Im »tagesthemen«-Interview kritisierte er außerdem die Besatzungspolitik Israels. Einen Widerruf seiner Thesen lehnte er ab.

Zahlreiche Kommentatoren widmeten sich den von ihnen bei Grass vermuteten Motiven, nutzten aber vor allem die Gelegenheit, um den Iran als angeblichen Kriegstreiber anzuprangern. Eine monströse Diffamierungsleistung lieferte am Freitag die Kandidatin der Linken zur Bundespräsidentenwahl Beate Klarsfeld ab. Sie zitierte in einer Mitteilung aus einer Hitler-Rede im Jahr 1939 die Formulierung »das internationale Finanzjudentum« und fuhr fort: Wenn man diesen Ausdruck durch »Israel« ersetze, »dann werden wir von dem Blechtrommelspieler die gleiche antisemitische Musik hören.« Ähnlich schrieb der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Dieter Graumann, für Handelsblatt online: »Günter Grass hat zwar die Waffen-SS verlassen. Aber offenbar hat die Judenfeindschaft der Waffen-SS Günter Grass doch niemals verlassen.« Vertreter der Regierungsparteien hielten sich mit Äußerungen zurück, der Grünen-Parlamentarier Volker Beck nannte Grass »uneinsichtig«, der SPD-Außenpolitiker Rolf Mützenich warf ihm »Einseitigkeit« vor. Den Medienlenkern reicht das offensichtlich nicht. So schrieb der Vorstandsvorsitzende des Medienhauses Axel Springer, Mathias Döpfner, in Bild unter dem Titel »Der braune Kern der Zwiebel«, es gehe jetzt nicht mehr darum, was Grass gesagt habe, sondern nur noch, wie die Deutschen darauf reagierten. Döpfner hatte Ende 2010 den Krieg des Westens gegen das »Weltkalifat« propagiert.

Aufschlußreich für die derzeitige Medienausrichtung erscheint die am Freitag vom Bundestagsabgeordneten Diether Dehm (Die Linke) verbreitete Information, daß eine von ihm in Auftrag gegebene Anzeige mit dem Text »Kein Krieg gegen den Iran!« vom Madsack-Konzern abgelehnt wurde. Selbst das Angebot, nur den Satz Willy Brandts »Krieg ist die ultima irratio« zu zitieren, akzeptierte das vor allem in Niedersachsen tätige Presseunternehmen nicht. Der Linke-Fraktionsvorsitzende im Bundestag, Gregor Gysi, wandte sich mit einem Brief an die Madsack-Führung und fragte darin: »Ist es wirklich in Ihrem Verlag so weit gekommen, daß Warnungen vor Krieg und Werben für den Frieden gegen Ihre verlegerischen bzw. unternehmerischen Absichten verstoßen?«

Vor diesem Hintergrund starteten am Donnerstag in Erfurt die diesjährigen Ostermärsche. Der Sprecher der Infostelle Ostermarsch 2012, Willi van Ooyen, äußerte aus Anlaß der Auseinandersetzungen um Grass am Freitag erneut »Sorge über die politische Entwicklung im Nahen und Mittleren Osten.« Er erklärte: »Wir wollen, daß die Menschen in Israel – aber auch in Palästina, im Irak und in Syrien – in Frieden leben können. Krieg und Militarisierung lösen keine Probleme, weder in dieser Region noch sonstwo auf der Welt. Kriegsdrohungen und Kriegsvorbereitungen vergiften die politische Atmosphäre.« Der Sprecher des Bundesausschusses Friedensratschlag, Peter Strutynski, stimmte in einer Pressemitteilung der »politische(n) Aussage« des Grass-Gedichtes »ausdrücklich« zu.

 

Kriegshelden

Grass wußte, worauf er sich einließ

Von Werner Pirker (jungeWelt / 07.04.2012 / Ansichten / Seite 8)
Die israelische Regierung hat ihre Absicht, das iranische Atomforschungsprogramm mit militärischer Gewalt zu beenden, nicht erst einmal offen kundgetan. Doch fehlt dafür die Zustimmung aus Washington, auf dessen zumindest politische Unterstützung Israel angewiesen ist. Die von Günter Grass in seinem Gedicht getroffene Feststellung, daß Israel den Iran mit Krieg bedroht, kann und will die Netanjahu-Regierung deshalb auch nicht widerlegen. Und obwohl Israels Führung in aller Öffentlichkeit den Krieg als einzige Möglichkeit zur Sicherung des Existenzrechtes ihres Staates rühmt, wird die Benennung dieser kriegerischen Absicht durch den deutschen Literaturnobelpreisträger von der prozionistischen Meinungsmaschinerie als »antisemitische Verleumdung« denunziert.

Grass hat diese Reaktion in seinem Text vorweggenommen, indem er sein langes Schweigen damit begründete, dem Verdikt Antisemitismus ausgewichen zu sein. Daß Israels Atomwaffenarsenal von der veröffentlichten Meinung so gut wie überhaupt nicht thematisiert wird, führt der Schriftsteller auf die erpresserische Handhabung des Antisemitismus-Vorwurfes zurück. Entsprechend sahen dann auch die Reaktionen auf den »mit letzter Tinte« geschriebenen Appell des Literaten, die Kriegsfurie zu bändigen, aus.

Daß Günter Grass die gegenüber Kriegsgegnern angewandten Diffamierungsmethoden vorausschauend zur Debatte stellte, machte die Kampagnenbetreiber kein bißchen verlegen, sondern stachelte sie noch zusätzlich an. Mit seiner Kritik der Instrumentalisierung des Antisemitismus-Vorwurfes bediene der Dichter, so Klaus Hillenbrand in der taz, ganz besonders üble antisemitische Klischees: »Der Skandal besteht also nicht in Grass’ Israel-Kritik, sondern darin, daß er sich bei dieser Kritik zum Märtyreropfer von Juden stilisiert, die mit der Antisemitismuskeule angeblich die Wahrheit zensieren wollen. Das ist ein antisemitisches Stereotyp.« Dessen sich Herr Hillebrand, der alle Kriegshetzer und Diskurskommissare zu Juden erklärt, bedient. Grass hingegen hat sich an keiner Stelle seines Textes als Opfer von Juden stilisiert, sondern vor allem die deutsche Unterstützung der israelischen Kriegspolitik, einschließlich der Lieferung von Atom-U-Booten beklagt.

Tom Strohschneider, Linkspartei-Experte der taz und Betreiber des Blogs »Lafontaines Linke«, bestreitet die offenkundige Tatsache, daß nicht der Iran Israel, sondern Israel den Iran bedroht. Die antizionistische Rhetorik iranischer Politiker erscheint ihm als existenzbedrohlicher als Israels offen ausgesprochene Kriegsabsichten – die Option eines atomaren Vernichtungskrieges inbegriffen. Strohschreiber schreibt, was die prozionistischen Rechten in der Linkspartei denken. Linken-Vize Halina Wawzyniak wirft Grass »mindestens einseitige Schuldzuweisung vor«. Das hört sich noch relativ harmlos an. Es ist freilich zu erwarten, daß die Kriegshelden vom BAK Shalom spätestens nach Ostern ihre Atom-U-Boote in Stellung bringen.